Hujässler

Treibhaus Innerschweiz
 
Typisch für die als erzkatholische verschriene Innerschweiz lebt hier auch die Gilde der Volksmusikanten vornehmlich in festen Bindungen (Kapellen o.ä.), andererseits ist die Gegend seit mindestens hundert Jahren auch ein Hort der musikalischen Promiskuität: Mitunter treibt es Jeder mit Jedem. So ergibt sich im Jahr 1996 auch ein folgenschweres alko-musikalisches Zusammentreffen des Schwyzerörgelers Flückiger Markus und des Klarinettlers Häusler Dani, welches umgehend die Gründung eines Ländler-Rock-Bastards namenspareglish zur Folge hat. Dessen unbekümmerte Grenzgraserei in fremdfötzeligen Volksmusik-Schründen sorgt bei der Fixierer-Fraktion für rot glühende Köpfe, während die Entwickler-Fraktion sie als Morgenröte am monochromen Ländlerhimmel beklatscht.
 
Als Kehrseite des übernächtigen Erfolgs (inkl. Prix Walo 1997) werden Flückiger und Häusler Opfer eines Phänomens, das der Schweizer Arzt Johannes Hoferus bereits anno 1710 in seiner vielfach zitierten Dissertation „De Nostalgia“ beschrieb und kurzum besagt, dass unverfälschtes heimatliches Melodiengut eine Krankheit namens „delirium melancholicum“ hervorrufen kann. Von solch nostalgischer Wehmut gepeinigt, suchen die beiden Grippegeplagten ihr Seelenheil in der regionalen Tradition des übungsfreien Stegreif-Spiels. Unterstützt vom Klavierler Kamer Reto und vom Kontrabässler Huber Sepp, die schon vorgängig bei verschiedentlichen One-Night-Stands Werbung in eigener Sache betrieben, macht sich der flotte Vierer daran, das gemeinsame folkloristische Erbgut kollektiv auszuweiden.
 
 
Ruckzuck-Querulanterie
 
Dass man sich die Geburtswehen des hudigäggelnden Vierbeiners als ausfällig lustfröhlich vorstellen darf, legt bereits die etikettenschwindlerische Namenswahl nahe, die - gemessen an den realen Klangerzeugnissen selbiger Ländler-Combo - als mutwillige oder zumindest grob fahrlässige Irreführung der Hörergemeinde taxiert werden muss. Als „Hujässler“ nämlich bezeichnet der Schwyzer Sigi Reichmuth, seines Zeichens explosiver Handorgeltraktator und Erzfeind jeglichen Diplomatiegesäusels, jene Gattung regionaler Ruck-Zuck-Musikanten, die dem Ideal einer nuancierten Ländler-Vortragsweise nicht besonders hold sind.
 
Der krude Mix einer beängstigenden musikalischen Potenz und eines weidlich exzessiven Ländler- und Lebensstils beschert auch dieser neuen Ländler-Combo das latente Missbehagen von Seiten der Gralshüter eines bodenständigen Volkskulturverständnisses, umgekehrt aber den Zulauf einer schamlosen Gilde vorwiegend jüngerer Bewunderer beiderlei Geschlechts, die den Hujässlern innert kürzester Zeit einen eigentlichen Kultstatus verleihen. Als infolge Landesflucht des Bassisten Hans Muff um 2002 herum die Akte pareglish geschlossen wird, treten die Hujässler insofern die Erbschaft an, als sie ihre ursprüngliche ästhetische Zielsetzung eigenhändig zu unterwandern beginnen: Von der Coverband für urchige Innerschweizer Ländlermusik wandeln sie sich immer mehr zur Interpretengesellschaft für zunehmend abenteuerliche Eigenkreationen.
 
 
Doppelspur-Fundamentalismus
 
Bis zum heutigen Tag bleiben die Huj-Machenschaften geprägt von einer geradezu bigotten Unentschiedenheit hinsichtlich ihrer Haltung zum Thema Tradition-Innovation. Kaum schleichen sie sich CD-mässig mit dem „Grenzgänger“-Programm in progressive Hörstuben, streichen sie Einem mit „Verrukti Cheibe“ gleich wieder fadengerade hingeschmissene Standards von Kasi (Geisser) bis Kaspi (Muther) unter die Nase. Als Stammgäste an der Steiner-Chilbi bezahlen sie ihren jeweils achtstündigen Parcours durch die Innerschweizer Ländlergeschichte und die Brissago-Schwaden im legendären Gasthaus Rössli mit dem gelegentlichen K.O. des Frontbläsers, um handkehrum zur Abkühlung des eigenen Übermuts gleich den weissen Saal des KKL für ein happiges HujGroup-Showcase zu buchen (inkl. Produktion einer Live-Doppel-CD). Da wird über Nacht ein langjähriger Verehrer mit einer Firmen-Hommage in Tonträgerform bedient (CD „Quart-Trösch“), und im Gegenzug ein mit Streichquartett samt Zusatzgästen an Schlagzeug und Gitarre aufgemotztes Konzertprogramm aus dem Boden gestampft. 
 
Ja was denn nun? Strenge Zucht der austarierten Tonsetzerei oder wilde Sucht der Stegreif-Hurerei? Das Eine bedingt offensichtlich das Andere, darf man getrost bilanzieren: Die so genannte „Neue Volksmusik“, für welche die Hujässler landauf, landab als Richtpfahl gehandelt werden, klingt nirgends spannender und zwingender, als wenn sie von solch geeichten Kämpen serviert wird, und eine Clique von Geigenbänklern, die ihren Lustgewinn auch mal aus einer Heavy Metal-Fuhr oder einem Hip-Hop-Act zieht, erweist sich durchaus als Gewinn bringend für das muntere Quellsprudeln einer vitalen Volksmusiktradition. Da mag dann etwa ein Karl Dillier, seines Zeichens Chef der Schwyzer Sektion im Verband Schweizer Volksmusik, gerne mit einer sozusagen revolutionären Neu-Definition der real existierenden Ländlerstile aufwarten – die Hujässler decken das aufgezeigte Genre-Spektrum in seiner ganzen Breite von „fätzig“ über „lieblich“ bis „konzertant“ problemlos ab – und mischen grinsend die Karten für den nächsten Huj-Jass...
 
Text: FX Nager